Geteilte Stelle, doppeltes Familienglück

Top-Sharing ist ein Modell, das Eltern gleichzeitig Zeit für Familie und den beruflichen Aufstieg ermöglicht. Svenja Christen und Yannic Franken aus Berlin sind ein Paar, Eltern eines kleinen Sohnes – und jeder für sich Teil eines Führungstandems. Das macht viel Organisation nötig, schafft aber auch viele Freiräume für alle Seiten.

„Die Kita hat übrigens Freitag zu… Aber ich habe frei und kann übernehmen“, mailt Svenja Christen ihrem Lebensgefährten Yannic Franken. Alles in Ordnung, die Betreuung des gemeinsamen Sohns Loui, 15 Monate alt, ist gesichert.

Svenja Christen und Yannic Franken aus Berlin leben das Ideal vieler junger Paare: Sie haben familiäre und berufliche Aufgaben partnerschaftlich untereinander aufgeteilt. Beide haben ihre Arbeitszeit reduziert und arbeiten in unterschiedlichen Unternehmen trotzdem jeweils auf einer Führungsposition. Top-Sharing heißt die Lösung. Beide teilen sich ihre Stellen mit jeweils einer weiteren Person. „Das klappt gut, wir können uns selbst verwirklichen und haben ein entspanntes Familienleben“, sagt Yannic Franken.

Top-Sharing ist derzeit in den deutschen Chefetagen noch nicht weit verbreitet. Dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zufolge halten 80 Prozent aller Unternehmen Führungsstellen für prinzipiell unteilbar. Dabei ist das Modell „Zwei Köpfe, eine Stelle“ nicht nur eine Möglichkeit, junge Menschen zwischen Familiengründung und beruflichem Aufstieg zu entlasten. Top-Sharing lässt sich flexibel organisieren und damit sowohl auf die Bedürfnisse der Tandems als auch auf die betrieblichen Notwendigkeiten anpassen.

Bei Svenja Christen und Yannic Franken sind die Tandems jeweils völlig unterschiedlich organisiert. Franken baut mit seinem Kollegen gerade den Vertrieb der Berliner Firma Tandemploy auf. Das Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, potenzielle Tandems und Unternehmen zusammenzubringen. Yannic Franken arbeitet gegenwärtig mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 30 Stunden – aufgeteilt in drei lange und zwei kurze Tage in einer Woche, und drei kurze und zwei lange Tage in der Woche darauf.

Souveräne Zeiteinteilung

Seine Lebensgefährtin hingegen ist 25 Stunden wöchentlich in der Personalentwicklung der Coca-Cola Deutschland GmbH tätig. Ihre Stelle teilt sie sich mit einer Kollegin, die kürzlich ihre Ausbildung beendet hat. Zusätzlich übt sie eine selbstständige Tätigkeit als Coach aus und braucht dafür fünf bis acht Stunden pro Woche. In der Regel ist sie vier Tage pro Woche bei Coca-Cola. Dabei nutzt sie auch das Gleitzeit-Angebot ihres Arbeitgebers: Bei Bedarf kann Svenja Christen früher gehen oder länger bleiben. Abgerechnet wird per Zeiterfassung.

Anders als bei Yannic Franken gibt es innerhalb ihres Tandems zudem eine Hierarchie: Svenja Christen leitet das Gespann und trägt im Zweifelsfall ihren Vorgesetzten gegenüber die Verantwortung. „Trotzdem sind wir kein Team, sondern wir teilen uns eine Stelle. Wir arbeiten an den gleichen Projekten, ich allerdings eher strategisch und in naher Zusammenarbeit mit dem Management, meine Partnerin stärker an der Umsetzung konkreter Projekte“, sagt Svenja Christen.

Alles klappt, weil die gemeinsam geteilte Stelle klar definiert ist: Rollen und Aufgaben sind klar verteilt, Übergaben geregelt – und jede der beiden Kolleginnen weiß genau, was der Rahmen für eigene Entscheidungen ist. Über den Verlauf der Projekte wissen Svenja Christen und ihre Kollegin stets genau Bescheid. Die klare Organisation macht nicht nur das Tandem möglich, sondern hat auch insgesamt den Arbeitsalltag entspannt. Unvorhergesehene Notfall-Einsätze bleiben die Ausnahme. „Wir könnten uns auch gegenseitig vertreten und im Notfall den anderen anrufen. Das ist aber noch nicht passiert“, sagt Svenja Christen.

Neben einer guten Organisation braucht Top-Sharing aber auch die Unterstützung der Unternehmen. „Bei uns funktioniert das Tandem nur, weil meine Vorgesetzte von Anfang an mitgezogen hat“, ist sich Svenja Christen sicher. Skepsis gab es auf den Fluren von Coca Cola nämlich auch. „Wow, sowas ist ja auch nur bei Human Resources möglich“, hat Svenja Christen aus einer anderen Fachabteilung gehört. Sie selbst sieht sich deshalb auch als Türöffner für Top-Sharing im gesamten Konzern. „Vor allem die Frauen in meinem Umfeld hat das Modell zum Nachdenken gebracht.“

Bei seinem Arbeitgeber Tandemploy arbeitet Yannic Franken daran, Job-Sharing zu einem Modell für alle zu machen – nicht nur für Frauen mit kleinen Kindern. „Frauen stoßen mit ihrem Wunsch nach Vereinbarkeit noch immer eher auf Verständnis als Männer“, sagt Franken. Seinen alten Arbeitgeber, einen Konzern aus dem IT-Bereich, hatte er schon damit überrascht, dass er nach der Geburt seines Sohnes gleich sechs Monate Elternzeit nahm.

Als er dann mit dem Wunsch nach Teilzeit kam, waren die Vorgesetzten immerhin nicht dagegen. Sie schlugen eine Vier-Tage-Woche vor, bei der Franken seine Organisation und Verwaltungstätigkeiten effizienter gestalten sollte. „Wäre es gar nicht gegangen, hätte ich mich gleich anderweitig umgeschaut“, sagt Franken rückblickend.

Andererseits war ihm auch bald klar, dass dieses Modell keine Dauerlösung sein kann. Damals musste er Sohn Loui schon um 8.30 Uhr in der Kita abgeben, um pünktlich zu Beginn der Kernarbeitszeit um neun Uhr da zu sein. „Das war schon sportlich. Heute liefere ich ihn um neun Uhr ab und bin 20 Minuten später mit dem Rad zur Arbeit gefahren“, nennt Franken einen Vorteil des Jobwechsels.

Ein weiterer Vorteil ist die Hilfe des neuen Arbeitgebers bei der Gestaltung der Stelle. Bei Tandemploy arbeitet Yannic Franken im Kundenkontakt. Zwar klopfen diese Kunden bei seinem Arbeitgeber gerade deshalb an, weil sie prinzipiell für das Thema Job-Sharing offen sind. Guten Service erwarten sie trotzdem. Klare Absprachen helfen: „Die Kunden wissen Bescheid, dass derjenige gerade zuständig ist, der sich meldet“, sagt Franken.

Das müssen sie auch, damit sie nicht überrascht oder verärgert sind, wenn er nicht abhebt. Denn Anrufe außerhalb der Arbeitszeit kommen schon vor. Wenn Franken dann vor dem Kindergarten steht und seinen Sohn abholen will, nimmt er nicht ab: „Man muss kommunizieren, dass man nicht immer erreichbar ist.“

Irritiert hat das bislang niemanden. Auf den Visitenkarten des Tandems stehen beide Namen und Rufnummern, einer auf der Vorder-, einer auf der Rückseite. „Die Kunden können meinen Partner ja dann erreichen, das ist der Unterschied zwischen Jobsharing und Teilzeit“, erklärt Franken.

Bei seinem alten Arbeitgeber war das anders. Da hatte er mittwochs frei und keinen Ersatz. Für Kundenbedeutete das: Was bis Dienstagabend nicht besprochen war, konnte frühestens Donnerstagfrüh ein Thema werden. Gut organisiert profitieren also alle Seiten von einem solchen Modell: Unternehmen, Beschäftigte und Kunden.

Gut organisiert sein muss allerdings auch das Privat- und Familienleben rund um ein solches Modell. Stehen Dienstreisen an oder wichtige Termine wie Messen oder Konferenzen? Wer geht einkaufen? Was gibt es wann zu essen? Wer übernimmt welche Verwaltungsaufgaben? Ohne klare Absprachen zu all diesen Bereichen sei eine partnerschaftliche Aufgabenteilung zu abhängig von den Zufällen des Alltags, sagt Franken. Es gehört eine große Motivation des Paares dazu, diese Art von Organisation durchzuhalten. „Natürlich kann ich mir für Sonntagabend auch Schöneres vorstellen, als die folgende Woche durchzuplanen“, so Yannic Franken.

Beiden war jedoch schon immer klar: Beruf und Familie, das muss beides für beide gehen. Sowohl die geteilte und sich teilweise überschneidende Elternzeit als auch die reduzierte Stundenzahl im Job standen niemals in Frage. Darüber gesprochen hatten Svenja Christen und Yannic Franken schon vor der Schwangerschaft. „Dass einer aufhört zu arbeiten, war für uns beide nie eine Option“, stellt Franken klar.

Und noch einen Pluspunkt gibt es: Das Top-Sharing und die Organisation darum herum schaffen Svenja Christen und Yannic Franken auch wichtige Freiräume für das Paar- und Sozialleben. Einmal pro Woche haben sie ihren Abend zu zweit. Auch mit Freunden treffen sie sich häufig, wenn Loui schon schläft. Darüber hinausgehen beide ihren Hobbys nach. Franken macht Krav Maga, einen israelischen Kampfsport. Svenja Christen hat sich gerade für Gesangsstunden angemeldet.

Klare Ziele, viel Freiraum: Ihr geteiltes Leben möchten die beiden derzeit mit nichts in der Welt tauschen. Wie lange sie dieses Modell noch leben wollen, weiß das Paar allerdings auch noch nicht. Yannic Franken: „Jetzt schauen wir mal bis zur Einschulung, und dann sehen wir weiter.“

Teile: